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Bericht Herbsttagung 2017

Bericht über die Herbsttagung des EMT
vom 10.11. – 12.11. 2017 in Ritschweiher zum Thema
„Enneagramm und Jugend“ mit Ingrid Strauer

Zwanzig enneagrammbegeisterte Menschen fanden sich am Freitagabend der Herbsttagung im Tagungsraum in Ritschweiher ein.

Zertifizierte Enneagrammlehrer, assoziierte Mitglieder und zwei junge Damen, waren gespannt auf das Thema des Workshops: Enneagramm und Jugend.

Draußen plätscherte der Regen gegen die Fensterscheiben (was das ganze Wochenende so bleiben sollte), drinnen lagen auf dem Boden bunte Ansichtskarten.

Ingrid begrüßte uns herzlich und bat uns, eine Karte auszusuchen und uns zu fragen, ob diese womöglich unsere Fragen, Erwartungen und Sorgen zu dieser Herbsttagung abbildet.

In der anschließenden Vorstellungsrunde stellten wir fest, wie emotional das Thema für einige von uns ist und wie viele Assoziationen wir mit einem Bild, einem Wort oder einem kurzen Satz, typspezifisch verbinden.

„Ich möchte meine eigene Kindheit besser verstehen.“

„Ich möchte Einblick nehmen in die Kindheit und Jugend der verschiedenen Typen.“

„Ich möchte erfahren, wie man gut mit den Typen in der Kindheit umgeht.“

Das waren einige der Wünsche, die am Freitagabend in der Runde geäußert wurden.

Ingrid, die als Sozialpädagogin in einer Jugendhilfeeinrichtung arbeitet, erzählte uns anschließend, wie sie mit Hilfe des Enneagramms feststellt, wo es in den Familien „hakt“.

„Man lebt aneinander vorbei und weiß nicht was der Andere denkt und braucht,“ sagte Ingrid. Die Kenntnis des Enneagramms nehme den Druck aus den Familien. „Denn endlich kann ich den Menschen erklären, warum wer wie reagiert.“

Durch diesen neuen Blick und die damit verbundene veränderte Haltung dem Anderen gegenüber, werde die Last von den Schultern der Kinder genommen. Nun werde deutlich, dass jeder etwas zur Veränderung beitragen muss.

Am Samstag bekamen wir typspezifische Aussagen von Kindern und Jugendlichen, die wir eigentlich in der großen Gruppe abwechselnd lesen und gemeinsam, Muster für Muster besprechen sollten. Auf Anregung einer Teilnehmerin einigten wir uns aber darauf, die Typstrukturen der Kindheit in Panelform zu erarbeiten.

Menschen des Musters Zwei sagten von ihrer Kindheit und Jugend:

„Schlimm war es abgestoßen und nicht gemocht zu werden.“

„Mit drei Jahren habe ich angefangen mich um meine Mutter zu kümmern, ich war verantwortlich für die Stimmung in der Familie.“

„Ich war auf Andere fixiert, ohne mich selbst wahrzunehmen.“

„Ich habe unter der Kälte meiner Mutter gelitten und mich immer gefragt, ob ich genug Liebe bekomme.“

„Es war und ist sehr schwer meine Bedürftigkeit zu zeigen. Ich weiß zwar was ich brauche, aber ich verdränge es.“

In guter Erinnerung haben die Menschen des Musters Zwei, wenn sie auf allen Ebenen gesehen wurden. Wenn Interesse an Ihnen gezeigt wurde, das unabhängig von ihrem Tun für Andere war und wenn vorsichtige Beziehungsangebote gemacht wurden.

Menschen des Musters Drei erinnerten sich an Ihre Kindheit und Jugend:

„Ich habe mich an die Gruppe angepasst, zu der ich gehören wollte. Das ging ganz automatisch.“

„Erfolg in der Schule zu haben, war ganz wichtig und schrecklich, wenn er ausblieb.“

„Ich hatte immer das Gefühl: Ich muss etwas machen, um geliebt zu werden.“

„Ich glaubte, ich bin nichts wert.“

„Wenn ich verletzt wurde, zog ich mich zurück und weinte alleine. Wenn die Hilflosigkeit zu groß wurde, rastete ich völlig aus.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Drei , wenn Andere stehen blieben und nichts persönlich nahmen. Auf keinen Fall durfte das Vertrauen entttäuscht werden.

Gut war es auch, wenn Andere, vertraute Personen, das ängstliche, verletzliche Kind hinter der Maske sahen und liebevoll annahmen, ohne viel zu reden. Das Sein des Kindes hinter dem Schein.

Menschen des Musters Vier sagten von ihrer Kindheit und Jugend:

Ich habe ein Gefühl von: Meine Eltern haben mich verlassen, ich muss für mich selber sorgen.“

„Ich habe schon als Kind bei den Gefühlen Anderer mitgeschwungen. Ich wusste nicht welches meine Gefühle sind und welche die der Anderen.“

„Je mehr Drama ich veranstaltet habe, desto mehr Aufmerksamkeit habe ich bekommen.“

„Mitleiden half mir zu überleben und dann schnell weg. Raus aus der Situation und das konnte, durch Schuldgefühle, wieder zu neuem Leid führen.“

„Mein sehnlichster Wunsch war dazuzugehören.“

„Die Spirale Neid, kannte ich schon als Kind. Du hast was Tolles, ich nicht. Durch das Vergleichen wertete ich mich selber ab.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Vier, wenn sich jemand tief einließ und nicht vor ihren starken Gefühlen zurückschreckte. Positiv empfunden wurde auch, wenn sich Menschen nicht in das Drama des Kindes hineinziehen ließen, Stabilität zeigten und da blieben.

Menschen des Musters Fünf erzählten aus ihrer Kindheit und Jugend:

Ich wollte mich nicht wichtig machen und brauchte präzise Fragen um zu antworten.“

„Ich hatte und habe viele Freundinnen aber keine Freundin. Ich brauche den Abstand. Ich brauche niemanden.“

„Ich darf nicht das sein was ich bin. Das wusste ich schon als Kind.“

„Alleinsein war und ist das Beste.“

„Meine Muskeln heißen Arroganz. Ich habe sie aufgebaut, damit mich keiner knacken kann.“

„Die Arroganz entstand aus der Schwäche, aus dem unerträglichen Dasein.“

„Der Panzer kann geknackt werden durch Liebe.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Fünf, wenn Andere schonungslos ehrlich waren und wenig Worte machten. Sie sollten Vertrauen aufbauen und wahrhaftig sein.

Gut war und ist es konkrete Fragen zu stellen und den Wusch nach Rückzug zu akzeptieren.

Menschen des Musters Sechs sagten von ihrer Kindheit und Jugend:

„Ich wurde immer von der Angst verfolgt, dass etwas Schlimmes passieren könnte: Ich komme nach Hause und Mama ist tot.“

„Gruppen gaben mir schon als Kind Sicherheit und Schutz.“

„Ich konnte mich schon immer in mein Kopfkino hineinsteigern und mich darin verlieren.“

„Wenn ich gerade vertieft war und wurde da rausgerissen, das war schrecklich.“

„Meine Ängste und Zweifel waren unglaublich präsent.“

„Wenn ich rebelliert habe und merkte, das kommt nicht so gut an, habe ich halt zurückgesteckt.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Sechs, wenn offene Gespräche geführt wurden und sie auf den Boden zurückgeholt wurden. Authentische Menschen, die offen und ehrlich waren und Respekt und Sicherheit gaben und die Möglichkeit, das Potenzial der kleinen Sechs entfalten zu lassen.

Menschen des Musters Sieben erzählten von ihrer Kindheit und Jugend:

„Ich hatte eine angenehme und abwechslungsreiche Kindheit und wollte immer die positiven Seiten des Lebens sehen.“

„Pleite zu sein war und ist schrecklich. Das bedeutet Begrenzung.“

„Meine Aufgabe in der Welt war und ist es, andere Menschen aus ihrer Traurigkeit zu holen um meine eigene Trauer zu überspielen und nicht spüren und zeigen zu müssen.“

„In der Schule fiel es mir schwer mich zu konzentrieren und „in die Tiefe“ zu gehen. Schule war langweilig.“

„Ich mochte keine Einschränkungen, lieber machte ich vieles oberflächlich.“

„Wenn ich das Lachen nicht gehabt hätte, wäre ich kaputt gegangen.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Sieben, wenn Andere hinter die Fassade aus Fröhlichkeit und Lebenslust schauten und sich von der tiefen Trauer nicht abschrecken ließen. Sie wollten auch in der Traurigkeit gesehen werden.

Leider waren keine Teilnehmer des Musters Acht anwesend, so dass wir das Panel „in Vertretung“ durchführten. Zwei Damen sprachen von ihren Erfahrungen mit Achter Kindern und Partnern, im folgenden trotzdem in der Ich-Form dargestellt:

„Was gerecht war bestimmte immer schon ich.“

„Ich konnte es schon als Kind nicht leiden die Kontrolle zu verlieren und wenn andere versuchten die Führung zu übernehmen.“

„Ich habe die Verantwortung in der Familie übernommen, weil ich der Stärkste war.“

„Ich bin unter schwierigen, erniedrigenden Verhältnissen aufgewachsen. Ich war schwach und hilflos. Also musste ich stark sein, damit ich nicht noch mehr verletzt wurde.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Acht, wenn Andere stehen blieben und sich nicht von dem rebellischen, lauten Außen des Kindes abschrecken ließen. Gut tut diesen Kindern, wenn erkannt wird, dass auch sie lieb sind und wenn Leitung wertgeschätzt wird. Ein Mensch mit dem Muster Acht sagte mal: „Ich will im Kampf bezwungen werden und indem ich meine Schwäche zeige, geliebt werden.“

Menschen des Musters Neun berichteten aus ihrer Kindheit und Jugend:

„Mein Leben ist einfach passiert, ohne mein Zutun. Wie in einem Film.“

„Ich habe wenig Aufmerksamkeit bekommen, dies aber nicht als Mangel empfunden.“

„Die Person des Lehrers war ganz wichtig. Wenn ich jemanden nicht mochte, weil ich nicht gesehen wurde, machte ich nichts mehr. Ich wäre lieber sitzen geblieben als zu lernen.“

„Von Außen bedrängt, unter Zeitdruck etwas leisten zu müssen, war und ist schrecklich.

Ich musste doch meine Aufmerksamkeit erst von Außen reinholen, dass dauerte.“

„Wenn das Wertvollste was ich zu geben habe, Empathie und Liebe, nicht gewollt wurden, dann war das ganz schrecklich.“

„Das Interesse von Anderen lenkte meine Aufmerksamkeit nach innen.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Neun, wenn sie ehrliches Interesse,

Lob und Aufmerksamkeit bekamen. Dann wurde es leichter, eigene Wünsche wahrzunehmen und zu äußern. Sie fanden es hilfreich, wenn sie ermuntert wurden mit kleinen Dingen (z.B. bei den Hausaufgaben) zu beginnen, weil ihre Energie dann zunahm.

Menschen des Musters Eins sagten zu ihrer Kindheit und Jugend:

„Wenn ich mich anstrengte Dinge gut und richtig zu machen, wurde ich gelobt. Dann musste ich mich selbst nicht kritisieren.“

„Ich habe mich schon als Kind mit „Sinnfragen“ beschäftigt. Das wurde aber immer als Spinnerei und „Fehler“ abgetan. Trotzdem war diese Wahrheit präsent. Ich wusste immer was wirklich wahr ist.“

„Auf meine Wünsche wurde selten Rücksicht genommen. Ich war „das brave Kind“ und hatte zu machen, was die Erwachsenen wollten. Ich rebellierte selten.“

„Ich war schon immer sehr kritisch und habe Menschen häufig als enttäuschend empfunden.  Schon als Kind  ging ich oft kompromisslos meinen eigenen Weg und war lieber alleine, als mich anzupassen.“

In guter Erinnerung haben Menschen des Musters Eins, wenn sie mit ihren Bedürfnissen und Interessen gesehen wurden. Wenn mit ihnen gelacht und gespielt wurde und sie ihren Körper spüren durften, z.B. bei wilden Jungenspielen in der Natur. Dann wurde die starke Körperenergie abreagiert und brauchte nicht als Groll gegen sich selbst oder als Wut gegen Andere gerichtet werden.

Sonntagmorgen und auch immer wieder zwischendurch, kam die Frage auf:

„Kann man als Erwachsener das Muster eines Kindes erkennen und ist es überhaupt sinnvoll, schon auf Kinder typspezifisch einzugehen?“

Ingrid sagte dazu am Sonntag folgendes:

„Ich arbeite ganz offen mit dem Enneagramm und bin damit sehr erfolgreich. Die Familien wissen, dass sie etwas ändern müssen. Häufig wurden schon viele ambulante Maßnahmen in den Familien eingesetzt, leider erfolglos. Damit die Kinder nicht ganz aus der Familie genommen werden müssen, wird die viermonatige intensive Arbeit mit mir als letzte Chance für die Familie angeboten.

Welches Thema in den Familien zu Problemen führt, kommt mit dem Enneagramm schnell ans Licht. Zunächst ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder an den Familiengesprächen teilnehmen. Dann sollen sie lernen zuzuhören. Das üben wir mit Hilfe des kontrollierten Dialogs. Jede/r sagt zu jedem: „Ich liebe an dir…, ich mag sehr, wenn du…, ich bewundere, dass du…, ich finde richtig toll, wenn du…“

Der/die Andere hört nun konzentriert zu und gibt das Gehörte mit eigenen Worten wieder.

„Ich habe gehört, dass du an mir besonders magst, wenn ich…“.

Danach sagt man sich, in der gleichen Art: „Ich leide sehr darunter, wenn du…, mich macht wütend, wenn du…“.

Im nächsten Schritt sagt jede/r seinem Gegenüber was sie/er sich von ihr/ihm wünscht: „Ich wünsche mir, dass du…“ Auch dies wird mit eigenen Worten wiederholt.

Nun sagt jede/r was sie/er sich für die ganze Familie wünscht. „Für uns als Familie wünsche ich mir, dass wir…“

Und ganz zum Schluss sagt jede/r was sie/er zu Veränderungen im Familienleben beitragen möchte.

Nun sind die Familienmitglieder auf die Arbeit mit dem Enneagramm vorbereitet. Sie können sich, ruhig, sagen, was sie aneinander mögen, was stört und sie hören sich zu.

Die Persönlichkeiten betrachten wir auf unterschiedlichsten Ebenen.

Was brauche ich?

Was will ich gar nicht?

Was kann ich gut, was liegt mir überhapt nicht?

Wie reagiere ich auf Stress?

Wie freue ich mich?

Wie zeigt sich meine Angst?

Wie zeigt sich meine Ordnung?

Nachdem wir die Persönlichkeiten der Muster erkannt haben und uns ziemlich sicher sind, wie wir ticken, können wir Konflikte besprechen. Das geht nun sehr gut weil wir wissen, dass wir Stress unterschiedlich wahrnehmen und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die Familien sind sehr froh endlich zu erkennen, warum ihr Familienleben nicht funktioniert.“

Zu erkennen, welche Not hinter den Mustern steckt, war für uns:

Bereichernd und berührend, teilweise dramatisch, intnsiv und anders als erwartet.

Die vertrauensvolle Atmosphäre, die von Anfang an da war, unterstützte die Offenheit der TeilnehmerInnnen.

Vielen Dank Ingrid und vielen Dank an euch alle.

gez. Claudia Goldbach

 

 

 

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